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Planet Timmermahn
Stories aus tapferen Welten
Wenn Timmermahn liest, wird die Welt gleich besser. Weil es nicht mehr diese Welt ist. Sie wird zum Planeten Timmermahn. Hier hat es den Platz, der auf dieser Welt fehlt. Unendlich viel Raum für masslose Geschichten aus vielen kleinen, tapferen Welten. Für wilde Stories über verbockte Köpfe und ihr herzensgutes Tun. Für seelenwärmende Erzählungen über unverdrossene Kämpfer und mutige Verlierer. In diesem prallen, unvergleichbaren Sprach-Universum werden dreiste Lügen zu unverrückbaren Wahrheiten. Scheinbar einfache Begebenheiten zu grandios ausschweifenden Betrachtungen über Schein und Sein. Gebrochene Tabus zur schlichten Normalität. Denn Timmermahn hat keine Angst vor nichts und niemandem, erst recht nicht vor sich selber. Um diesen einmaligen Planeten zu schaffen, braucht er nicht viel. Stuhl und Tisch, ein bisschen Licht, vielleicht ein Mikrofon. Bei Gelegenheit unterlegt eine entsprechende Bildperformance seine in breitestem Berndeutsch vorgetragenen Stories. Timmermahn live und neu auch auf CD heisst beste, ureigenste Lesekunst mit höchstem Unterhaltungswert.
Jüre Hofer

Timmermahn und seine Geschichten
Ein wahrer Propaganda-Text
 
Sitzt Timmermahn auf einer Bühne, ist er weit mehr als der begnadete Vorleser seiner eigenen Geschichten. Er ist der Einstein der Surealitätstheorie, der das Groteske zur natürlichsten Sache der Welt erklärt. Ein Schöpfer von Wortwelten, stark und schillernd und seelenvoll wie die Bilder, die er im wirklichen Leben malt.
Timmermahn ist ein Erzähler vor dem Herrn, dem nichts heilig ist. Doch dieser Text-Casanova der verbalen Masslosigkeiten haut mit soviel inhaltlicher Sanftmut und Zärtlichkeit auf den Büchertisch, dass einem immer nur warm ums Herz werden kann. Denn hier gibt nicht der Wahnsinn dem Genie die Hand, sondern Liebe, Spass und Phantasie.
Die tiefe, tragende Stimme und sein breiter, Berndeutscher Dialekt machen Timmermahn zum literarischen Ikarus des Bodenständigen. Unvermittelt hebt er immer wieder ab und nimmt uns mit auf seinen leidenschaftlichen Flug durchs wilde Absurdistan, das im Alltäglichen wurzelt. Hier pflückt Timmermahn seine Geschichten, die nicht unbedingt das Leben schrieb. Geschichten aber, die Lust auf dieses Leben machen, weil sie es nicht allzu ernst nehmen.
 Jüre Hofer

Derbes aus dem Schiffskino
Von Ane Hebeisen    
 
Der Berner Geschichtenschnitzer Timmermahn erfindet Märchen, die man keinem Kind erzählen darf. Im Bären Buchsi hat er seine erste Geschichten-CD vorgestellt.
Ein Happening von höchstem Unterhaltungswert.
 
«Liebi Lüt vo Stadt und Land.» Mit diesen freundlichen Worten begrüsst der Geschichtenerfinder Timmermahn sein Auditorium im gut gefüllten Bären Buchsi. Dann setzt er sich hinter seinen Schreibtisch mit Leselampe und beginnt zu lesen, neben sich einen prächtigen Blumenstrauss und eine Leinwand, auf welche er selbst gebastelte Dias projizieren lässt. Mehr braucht dieser rauborstige Herr nicht für seine Façon der aberwitzigen Abendunterhaltung. Das reicht, um eine Welt zu erschaffen, in der alles ein bisschen märchenhafter, frivoler, sonderbarer, und aber auch ein grosses bisschen derber ist als im richtigen Leben.
«Liebi Lüt vo Stadt und Land», so hat der Timmermahn während bisher vier «Blues & Rock Cruise»-Mittelmeerkreuzfahrten auch seine stetig wachsende Anhängerschaft begrüsst, die jeden Abend um Mitternacht ins Schiffskino der MSC Melody drängte, um diesen komischen Geschichten zu horchen. Bald arrivierte Timmermahn zum heimlichen (manchen durchaus auch etwas unheimlichen) Star dieses Traumschiffs der Berner Rock-Society. Eine Auswahl der lustigsten Geschichten seines Schiff-Engagements hat Timmermahn auf der CD «Live» verewigt, die nun im Bären in Münchenbuchsee getauft wird. Und bald wird klar: Es sind Märchen, die man keinem Kind erzählen darf, ziemlich versaute Märchen teilweise, Märchen, in denen selten das Naheliegende geschieht, auch wenn da meistens noch ein lausiges Happy End zurechtgebogen wird.
Totenmügerli-artiger Redeschwall
Die Helden in den Geschichten von Timmermahn fristen ihr Dasein grösstenteils auf dem Lande, sind liebenswerte und gut artikulierende Gestalten, die oft unverschuldet alleine leben und es mit ihrer trieblichen Ausrichtung nicht mehr ganz so genau nehmen. Das ergibt dann Erzählungen wie zum Beispiel jene von Abegglen Emil, der angeheitert nach Hause kommt, wo ihm prompt ein «grandioser Engel» erscheint. Eine gut gebaute Himmelsbotin die aus ihm «ä glückleche Bitz Mönsch» macht, weil da alles stimmt; «d Nusse, d Löif, dr Pfuigagg, und sogar d Büchse hingefür». Nachdem er sich «uschaffelig» auf den Engel gestürzt hat, sodass Zimmerlinde und Gummibaum sich genötigt sehen, taktvoll ihre Blätter wegzudrehen, stellt sich heraus, dass es sich beim Engel in Wirklichkeit um Angelika –die Angetraute von Nachbar Klöti – handelt. Dieser Klöti steht bald in der Wohnung und meldet Vorbehalte betreffend des unkeuschen Tuns seiner Ehefrau. Trotzdem ringt er sich nach einem Glas Wein und einem Rehrücken-Ragout zur Offerte durch, dass er am nächsten Tag seinerseits im Engelskostüm bei Abegglen Emil vorbeischauen könnte.
Timmermahns Geschichten sind im Grunde nicht nacherzählbar, oder wie es Peter Bichsel schrieb: «Wer Timmermahn beschreibt, tut ihm unrecht.» Er formuliert in lebendigstem Berndeutsch und steigert sich immer wieder in einen fast Totemügerli-artigen Redeschwall. Dabei fantasiert er wie ein Helge Schneider in Bestform, driftet auch schon mal ins Psychedelische ab, bleibt bei aller Abenteuerlichkeit seines Vortrags stets beherrscht in Ton und Erzählstimme. Timmermahn gibt den ernsten Chronisten ländlicher Ausschweifungen, einen als öhihafter Märchenonkel getarnten Surrealisten.
 
Tiere mit grossen Augen
Doch wer ist dieser Schreiber, der noch kein Buch veröffentlicht hat, der auf 930 Metern über Meer in einem prächtigen umgebauten Bauernhaus in 3088 Rüeggisberg, am südlichen Zipfel des Längenbergs, horstet? Geboren ist Timmermahn 1942 in Louisiana, danach hat es ihn in die Schweiz verschlagen, mit 16 Jahren spielte er den Tod im Totentanz zu Worb, 1971 dann sein erster Auftritt als Märchenonkel im Restaurant Weisser Wind in Zürich. Er ist seit längerem per du mit der Berner Mundartrockszene, verdient sein Geld mit dem Verkauf selbst gemalter Bilder («am erfolgreichsten sind die Bettmumpfe, die Flugmüettere und Tiere mit grossen Augen»). Er organisiert Töfftouren durch halb Europa und trägt ein Tattoo mit der Losung «Never Forgive». In sein Gesicht hat sich eine Verlebtheit eingefurcht, die man öfters sieht, bei Menschen, die im erweiterten Berner Rock-Milieu herangewachsen sind und Erfahrung mit Substanzen gemacht haben, die vom Arzt oder Apotheker nicht ohne weiteres verschrieben werden. Als er vor sechs Jahren bei «Aeschbacher» zu Gast war, bezeichnete er sich als einen Menschen, «der es etwas schwer hat, erwachsen zu werden», er sei ein eher konservativer Mensch «mit einer tollen Lebenseinstellung». Und er sei einer, der sich selber von sich überraschen lässt.
In den Geschichten seiner neuen CD ist diese Lust an der Selbstüberrumpelung jederzeit vernehmbar. Seine Märchen schlagen Haken, verwundern und bezaubern. In Münchenbuchsee gibt es denn auch noch ein bisschen Bonusmaterial zum Album: Die Geschichte eines Mannes etwa, dessen Kopf immer kleiner wird und bald Proportionen annimmt wie bei einer Giacometti-Figur, was bald von der Ehefrau beanstandet wird und einer Beurteilung des örtlichen Hausarztes bedarf ... Und wenn er nicht gestorben ist, dann schrumpfet er noch heute. (Der Bund)
Erstellt: 17.10.2011, 16:15 Uhr
 

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Kunst

«Ich male alles, was ich gern habe»

Von Martin Bieri. Aktualisiert am 28.03.2011

Timmermahn stellt seine Bilder im Alten Schlachthaus in Burgdorf aus. Gemalt hat er sie in Rüeggisberg, doch sie sehnen sich nach Paris, Amerika und nach dem verstorbenen Freund.

Timmermahn begrüsst die «lieben Leute von Stadt und Land» im Alten Schlachthaus Burgdorf mit dem ihm eigenen Schalk: Er dankt für das Kommen, gratuliert den Anwesenden zum guten Geschmack und erklärt seine Ausstellung für eröffnet, indem er allen einen guten Appetit wünscht. Die Familie Luginbühl hat an diesem Samstag gekocht. Die Familie Luginbühl ohne Bernhard. Er ist noch keine fünf Wochen tot. Im Alten Schlachthaus ist eine ständige Ausstellung von ihm zu sehen. «Unter all den Ateliers, die Vater auf der ganzen Welt hatte, war das sein liebstes», sagt sein Sohn Brutus. Im ersten Stock des Gebäudes sind bis Ende Jahr Timmermahns Bilder ausgestellt. Die Nähe ist nicht nur eine räumliche.

Bernhard Luginbühl und Timmermahn waren Freunde. Er verdanke «Bärni» viel, sagt der Maler über den Plastiker. Dieser habe ihn einen «faulen Siech» geheissen und ihm verboten, sein Talent zu vergeuden. Gemeinsam waren die beiden im Bern der 60er-Ja hre unterwegs, als die bildende Kunst in dieser Stadt einen Stellenwert hatte wie später nur noch selten. Timmermahn arbeitete damals im Malersaal des Stadttheaters und musste sich stundenlang Theaterstücke ansehen. Das langweilte ihn dermassen, dass er beschloss, selber welche zu schreiben. So wurde Timmermahn zum Erzähler und Performer, als den man ihn heute kennt. Maler war er von Berufes wegen und ist es die ganze Zeit über geblieben. Seine Bilder sind einfach aufgebaut und farbig, zeigen oft clowneske Figuren, Tiere oder das Meer. Elefanten kommen viele vor, gerne beritten.

Nostalgiker der Avantgarde

Wird Luginbühls Kunst als «Archäologie des industriellen Zeitalters» (siehe «Bund» vom 21. Februar) bezeichnet, dann ist Timmermahn ein Nostalgiker der Avantgarde. In seinen Werken klingt eine Sehnsucht nach dem Paris der vorletzten Jahrhundertwende an. Einmal glaubt man Modigliani vor sich zu haben, einmal Gauguin, und immer wieder Picasso. Tim mermahn bedient sich ihrer wie einem Vorlagenbuch. «Déjeuner sur l’herbe» – ein Manet-Zitat diesmal, «Landschaft» oder «Nature morte» heissen die Bilder. Der Rüeggisberger fabriziert ein Kuriositätenkabinett der Kunstgeschichte, mit etwas Melancholie und viel Humor. Die Bilder sind lustig, «Tiere werfen ein Kleinkind in die Höhe» zum Beispiel oder «The First Gig», das einen Hosenscheisser auf der Bühne zeigt. Timmermahn baut seine Bilderwelt auf einem doppelten Boden, der wackelt, weil er so alt ist.

Auch Bezüge zur amerikanischen Pop-Art kommen vor. Mehrmals tauchen serielle Objekte auf, einmal Hämmer, einmal Pinsel, einmal Palmen – oder sind das wieder Pinsel? Pinsel und Hammer jedenfalls braucht es, um ein Bild von Hand zu malen und es dann ordentlich aufzuhängen. Und genau diese grundlegenden Elemente der traditionellen Kunstproduktion stellte die Pop-Art ja infrage. Aber über theoretischen Gedanken wie diesen bekommt man in der Ausstellung schnell ein schlechtes Gewissen. Timmermahn ist ein explizit anti-diskursiver Künstler. Er mag seine Bilder nicht erklären und beteuert, sich bei deren Herstellung auch nicht viel zu überlegen: «Ich male alles, was ich gern habe, wies gerade kommt. Ich lasse malen, ohne alles zu hinterfragen. Ich gebrauche alle Stilarten, wenn sie mich ansprechen. Ich brauche nicht verstanden zu werden. Ich liebe die Malerei.» So steht es in einem kleinen Manifest, das in der Ausstellung hängt und von dem Timmermahn sagt, es das einzige Schlaue, das ihm je zu seiner Arbeit in den Sinn gekommen sei.

«Das ist das Leben»

Peter Bichsel hat die Artikulationssperre sogar auf die Person des Künstlers ausgeweitet, über den er gesagt haben soll: «Wer Timmermahn beschreibt, tut ihm unrecht.» Dabei gibt dessen Kunst zu verstehen, dass der Mann haargenau weiss, was er tut. Etwas versteckt hängt ein Bild mit dem Titel «Obacht Fälscher». Es zeigt Picasso und seinen fing ierten Bruder Pablo, die zusammen ein Bild von Timmermahn malen. Das Werk ist auf 1996 datiert. Oder heisst es da 1926? Der Künstler weiss es selbst nicht mehr und schaut mithilfe einer Taschenlampe nach: «Wäre es besser, wenn dort 26 stünde? Kann man machen.» Hätte er sein Werkzeug dabei, er würde es sofort ändern. Viel eleganter kann man sich der Frage nach Originalität und Nachahmung nicht entledigen.

Dabei ist es gerade das spezielle Eigene, das vertraut Exotische, das die «lieben Leute von Stadt und Land» am Mehrfachkünstler Timmermahn so lieben. Ausser ihren Herzen und dem ironischen Hobelpreis – auch in der Ausstellung zu sehen –, hat er nie etwas gewonnen. Wohl auch, weil er sich um die Gesetze des Kunstbetriebs foutiert. Timmermahn stellt in der Jetset-Galerie in Zürich ebenso aus wie im Möbelhaus in Münsingen. Am liebsten aber hier, bei seinem alten, toten Freund Bärni: «Mit ihm wollte ich schon immer etwas zusammen machen», sagt Timmerm ahn. Ob er bedauert, dass es gerade diesen Moment getroffen hat? Das Gesicht des Künstlers wird länger. «Das ist jetzt halt so. Das ist das Leben.» Es klingt nicht wie eine Phrase. Und dann: «Er ist ja immer noch hier. Da und da, überall.» Dann ist das Gespräch zu Ende.

Es hat neben dem grossen Kenotaph aus Holz und Glas stattgefunden, in das Timmermahn Objekte aus seinem Leben als Hommage an Luginbühl gelegt hat. Auf einer schwarzen Jeansjacke neben einem Motorradauspuff liegt ein weisses Band, auf dem geschrieben steht: «I’m not exotic. I’m exhausted.»

Die Ausstellung im Alten Schlachthaus Burgdorf bleibt bis 4. Dezember eingerichtet und ist sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. http://luginbuehlstiftung.arthosting.ch/museum (Der Bund)

Erstellt: 28.03.2011, 16:37 Uhr

© Tamedia AG – Kontakt

 TIMMERMAHN
„Ich mag das Wort Künstler nicht, wenn schon bin ich Artist“
 
Der 1942 geborene Timmermahn ist eine der schillerndsten Figuren in der Kunst und Kultur-Szene der Gegenwart. Neben seinen Werk als Maler hat er sich als Erzähler herrlich schrägen und doch so poetischen Texten, und als Regisseur von Theaterstücken einen Namen gemacht.
 
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft: (Porträtauszug)
Die Kunst Timmermahns lässt sich kaum einordnen. Sie gehört keinem Ismus an, folgt keiner Modeströmung, hat keine kunsthistorischen Ambitionen, will schon gar nichts erneuern: „Ich male mit Stolz ohne Stil und lasse mich nicht klassifizieren“, sagt der Maler. Und weiter. „Ich brauche nicht verstanden zu werden. Ich mag nicht malen, wie es von mir erwartet wird. Ich liebe die Malerei.“ Picassos Zitat, „wenn ich kein Rot mehr habe, nehme ich Blau“, kommt Timmermahn gelegen. Der grosse Schriftsteller Paul Nizon hat Timmermahns Universum einmal eine „kleine Wahnwelt“ genannt.
 Und Peter Bichsel schrieb: „Wer Timmermahn beschreibt tut ihm unrecht“


Timmermahn und Los Hobos singen Blues auf alle Heimat dieser Welt
 
Zwischen Marksteinen und Schrumpfköpfen: Wies früher hätte sein können, davon berichtet Timmermahn in grotesken Geschichten, mit rohen Figuren und in einem bernerisch-derben Kunstdialekt, der in eine weite Vergangenheit zeigt.
Den Sound zu «Blyb uf em Trottoir, Johnny!» bieten Los Hobos - mit Volksliedern als mobilem Heimatersatz.
 
Man könnte ihn Urgestein nennen, Dialektzauberer oder Wehmutspoet: Timmermahn eignet sich gerade deshalb als Metaphernspender, weil er selbst eine archaische Kunstsprache entwickelt, die an ein längst verwehtes, vorzeitlich erdiges Berndeutsch anklingt, das so erst im Kopf des Geschichtensammlers entstanden ist. Unbeschädigt von der technizistischen Abstraktionswut der Moderne entdeckt der begnadete Autor-Vagabund, was Sprachsensible schon immer gewusst haben: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.
Der Berner erkundet nun aber deren Marksteine neu und füllt seine Landschaftsräume mit verbogenen, aber lauteren Figuren aus dem Brevier einer ungehobelten Echtheit, die das Leben und seine Gebote eben so gar nicht (mehr?) zulässt. Mit garstigem Charme, rauer Spiellust, ironischem Gezwinker schickt Timmermahn seinen welttrunkenen Johannes, sein dauerbetrunkenes Vreneli auf Kopf- und Fussreisen, seine Musikanten in die stumpen- und biergeschwängerte Männerwelt der Alphütten, sein Ehepaar Giacometti ins Sehnsuchtsland Amerika.
 
Leben heisst Stolpern
 
Meist werden die euphorisch gestarteten Aufbruchsversuche mittendrin abgebrochen, das Heimweh drängt, man wechselt das Gleis und alles ist im Fluss - wie das Leben eben und wie Timmermahns feinziselierter Dialekt, der seiner durchkonstruierten Künstlichkeit zum Trotz sich diesem basalen Gefühl, das uns alle hin und wieder befällt, so wunderbar anzuschmiegen vermag. Kein Ton von nationalistischer Überhöhung oder übersteigertem Lokalpatriotismus; Vreneli, Johannes, Gody und Hody sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Stolpern und Holpern beschäftigt, als dass sie die Landschaften, durch die sie ihre Lebensspuren ziehen und die im übrigen überall zu liegen kommen könnten, zur Ideologie umzufärben vermöchten. Von Melancholie nach dem Allernächsten und Allerfernsten getrieben, verführt Timmermahn zu einer ortlosen Wehmut nach dem (durchaus irrationalistischen) Etwas, das Verbundenheit verspricht und das es auch im hintersten Chrachen und im schillerndsten Farbenbogen der tausend taufrischen Alpenrosen niemals gegeben hat.
Wehmut kennt kein Territorium, sie ist da zu Hause, wo die Wehmütigen sind: Im portugiesischen Fado, im amerikanischen Blues, im Berner Volkslied. Los Hobos giessen das Rohe und Ungeschliffene von Timmermahns Texten in einen Sound, der kontinentübergreifend auslotet, wie ähnlich die Formen sind, in denen Bewusste ihre Aufbruchssehnsüchte darlegen. Zwei Instrumentalisten - Chrigu Rechsteiner und Patent-Ochsner-Gitarrist Dizl Gmünder - proben das (leider meist verstärkt) auf Akkordeon, Bass, gar Posaune, durch, und Nicole Wiederkehr singt erdig und stimmgewaltig den Blues dazu (in Schweizerdeutsch, Englisch, Portugiesisch). Immer mit drin ist der Schuss Persiflage - vor allem dann, wenn sich Timmermahns Kabinett szenisch verlebendigt und auf der Bühne plötzlich aufersteht, Ansprachen an die imaginäre Wirtsstubenhocker oder Marksteinsetzer hält: da bleibt kein Stein auf dem andern, bis der nächste harte erzählerische Schnitt folgt und das kräftig ausgemalte Bild zerstäubt.
 
Sprache nahe an Elementen
 
Timmermahns Lautmalerei ist mehr als eine abgedroschene Metapher, sondern buchstäblich: der Kunstmaler trägt seine Wortbilder mit dicker Farbe auf, um dann - wenig behutsam - mit dem Spachtel tüchtig darin herumzufahren. So werden die Linien hervorgekehrt, die seine Geschichten zusammenhalten: Sie bezeichnen nicht eine besonders feine Erzählkunst, oder gar einen versponnenen Plot, sondern jene derbe Kunstsprache, mit der ein rustikal geprägtes, nahe an Feuer, Wasser, Erde und Luft orientiertes Leben montiert wird. Und gerade weil sich das so melancholisch und so stimmig anhört und doch so gar nicht stimmen will, glückt die zweistündige Flucht.
Fabian Saner
 
© Oltner Tagblatt / Mittelland Zeitung / Montag 02. Februar 2009

FÜHRUNGEN:
schlachthaus@luginbuehlstiftung.ch
http://luginbuehlstiftung.ch/museum/ (PRESSETEXT 2011)

 

Timmermahn: Flying mother over New York, 2000

Timmermahn - "Die Flugmütter"

Es war die Zeit der grossen Regenbogen
und der grünen Augen und wir lebten
relativ eigenständig innerhalb einer Gesellschaft,
an deren Kultur wir nicht voll teilnehmen mochten.
Und neben mir schien Dean Moriarty zu sitzen,
eben aus der Besserungsanstalt entlassen. Und
hoch oben im cölinblauen Himmel trieben sie
ihr Spiel - die Flugmütter. Und uns ist aufgefallen,
wie tonig stark ihre blossen Leiber glänzten.
Und wenn sie uns nahe kamen, spürten wir den
Atem ihrer Luftigkeit.

Bald vierzig Jahre später begann ich ihre Verifizierbarkeit nachzumalen, mit den mir gegebenen Mitteln und Fähigkeiten. Das Resultat kann sich sehen lassen: Flugmütter im Verband oder solo, über verträumten Städten, Dörfern und Landschaften, in vertrauter Rekombination mit meinen alten Eindrücken. Heute weiss ich: Die Flugmutter ist heilig! Und mit ihrer grenzenlosen Abgehobenheit steht sie für Fantasie und Machbarkeit. Was gedacht wird, besteht auch. Alle Mütter sind Flugmütter. Und sie können uns das Fliegen beibringen.

(Timmermahn, Sommer 2000)
Radiointi SR DRS
Wie mache ich ein I N T E R V I E W

Ein Interview ist eine gezielte Befragung um Informationen beliebiger oder ausgewählter Personen zu erhalten. 

11 SCHRITTE ZU EINEM INTERVIEW: 

1.Terminvereinbarung (langfristige Vereinbarung; Bestätigung einholen; zu früh am Treffpunkt erscheinen) 

2. Inhaltl. Vorbereitung. (Interviewer bestimmt weitläufig den Gesprächsverlauf; wichtigsten Fragen vorher notieren; auf Antworten des Befragten eingehen) 

3. Arbeitstechn. Vorbereitung (evtl. Aufnahmegeräte; Erlaubnis des Befragten einholen, das Interview aufzeichnen zu dürfen) 

4. Einstimmung d. Interviewpartners (Grund des Interviews vorstellen; am Ende das Protokoll dem Befragten vorlegen u. Einverständnis holen) 

5. Atmosphäre. (Antworten nicht bewerten; nicht emotional o. provozierend werden; angemessenes Verhalten) 

6. Offene Fragen. (Offene Fragen stellen → Erhöhung der Wahrscheinlichkeit nähere Angaben u. Details zu erhalten) 

7. Unnütze Fragen. (Keine unnützen u. schädliche Fragen stellen, z.B. „Warum-Fragen“) 

8. Nachhaken. (bei unklaren Antworten nachfragen zur näheren Erläuterung) 

9. Innere Einstellung zum Gesprächspartner. (Nicht nur vorbereitete Fragen besprechen: aktives Zuhören, um eine bessere Einstellung zum Interviewpartner zu haben) 

10. Abschluss. (Zusammenfassung von Verlauf und Ergebnissen; Interviewpartner danken; negative Bewertungen vermeiden) 

11. Nachbereitung. (Protokoll mehrmals anhören/lesen; evtl. eine Anschrift anfertigen; Inhalte des Interviews nach Oberbegriffen auf Karteikarten/Datenbank ordnen; evtl. bisheriges Konzept überdenken [da man durch das Interview eine andere Sicht bekommen haben könnte]; Fakten u. Aussagen überprüfen, nicht nur übernehmen.


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